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Dr. Hans-Dieter Heumann, Leiter des Forschungsbereichs „Strategische Fragen der Globalisierung“ an der Bonner Akademie




Dr. Gunter Mulack, früherer Botschafter der Bundesrepublick Deutschland in Syrien/Damaskus



Jörg Armbruster, ehemaliger ARD-Nahost Korrespondent



Dr. Gülistan Gürbey, Privatdozentin an der Freien Universität Berlin




Moderator der Veranstaltung: Prof. Dr. Conrad Schetter, Wissenschaftlicher Direktor des Bonn International Center for Conversion

 
Am 4. Juli 2016 fand die zweite Veranstaltung der Reihe „Krisen im Kontext“ in der Bonner Akademie statt, die in Kooperation mit dem Institut für Geschichtswissenschaft der Universität Bonn ausgerichtet wird. Zum Thema „Der Syrien-Konflikt und die Neuordnung des Nahen Ostens“ diskutierten Jörg Armbruster, ehemaliger ARD-Nahost Korrespondent, Dr. Gülistan Gürbey, Privatdozentin an der Freien Universität Berlin, und Dr. Gunter Mulack, Deutscher Botschafter a.D. in Damaskus. Moderiert wurde die Diskussionsrunde von Prof. Dr. Conrad Schetter, wissenschaftlicher Direktor des Bonn International Center for Conversion.

Nach einer thematischen Einführung durch den Leiter des Forschungsbereichs ‚Strategische Fragen der Globalisierung’ an der Bonner Akademie, Botschafter a.D. Dr. Hans-Dieter Heumann, legten die Diskutanten ihre jeweilige Perspektive in kurzen Eingangsstatements dar. Gleich zu Beginn machte Dr. Gunter Mulack deutlich, wie die deutschen und westlichen Vorstellungen über den Verlauf des syrischen Aufstandes von den Realitäten überholt wurden. Einerseits stellte es sich als Fehleinschätzung heraus, dass der syrische Präsident Assad innerhalb von Monaten gestürzt sein würde. Andererseits ließ sich die syrische Opposition nicht in dem Maße koordinieren, wie vom Westen erwartet. Der Direktor des Deutschen Orient-Instituts kam zu dem Schluss, dass die Option, den Friedensprozess aktiv zu gestalten, damit verloren gegangen sei. Heute sei Syrien für die deutsche Außenpolitik keine Priorität mehr – in der Europäischen Union und der Ukraine habe die bundesrepublikanische Diplomatie derzeit andere Probleme zu lösen.

Jörg Armbruster analysierte im Anschluss die Ursprünge des Konflikts, die er primär in den Folgen des Irakkrieges 2003 erkennt. Insbesondere nachdem der damalige, schiitische Präsident Maliki den irakischen Sunniten eine Regierungsbeteiligung verwehrte, erstarkten radikal-sunnitische Milizen, die heute den Kern des Islamischen Staates (IS) bilden. Gleichzeitig werde der IS heute weder von Assad, Russland noch von iranischen Milizen in Syrien aktiv bekämpft, sondern in erster Linie durch die – teilweise von westlichen Staaten und Saudi-Arabien unterstützte – syrische Opposition. Dadurch sei eine Situation entstanden, die zum faktischen Scheitern der Genfer Verhandlungen geführt habe. Spätestens das militärische Eingreifen Russlands und des Iran habe Assad in die Lage versetzt, nunmehr auf einen militärischen Sieg zu setzen, statt eine für ihn vorteilhafte diplomatische Lösung anzustreben. So wurde der Syrien-Konflikt zu einem Ringen um die Machterhaltung Assads und gleichzeitig zu einem Stellvertreterkrieg zwischen Saudi-Arabien und dem Iran.
 
Dr. Gülistan Gürbey konzentrierte sich in ihrer Analyse auf die Rolle der Türkei. Diese strebe mit Präsident Erdogan an der Spitze eine Hegemonialstellung in der Region an, ideologisch unterfüttert durch pan-islamische Ideen und die Rückbesinnung auf die osmanische Vergangenheit. Daher habe die Türkei zunächst radikal-islamische Gruppen in Syrien unterstützt, um einerseits Assad militärisch zu stärken und andererseits den Einflussbereich der syrischen Kurden im Grenzgebiet zur Türkei einzudämmen. Diese Politik räche sich jedoch, seit die Türkei der westlichen Allianz den Luftwaffenstützpunkt in Incirlik zur Verfügung stellte. Seitdem hätten die zuvor unterstützten radikalen Gruppen nun auch die Türkei im Visier, wie die Anschläge in Istanbul zeigten. Für eine Lösung des Konflikts betonte Gürbey insbesondere die Wichtigkeit der syrischen Kurden.

Prof. Dr. Conrad Schetter fragte zum Ende der Veranstaltung, wie eine Neuordnung des Nahen Ostens aussehen könnte. Jörg Armbruster machte deutlich, dass eine solche Neuordnung nicht von Außen durch die Großmächte erzwungen oder gestaltet werden dürfe. Vielmehr müsse sie aus der Region selbst heraus erwachsen. Dr. Gülistan Gürbey erinnerte in diesem Zusammenhang an die außenpolitischen Ziele der Türkei, die durch Ihre hegemoniale Ausrichtung eine Lösung erschweren würde. Dr. Gunter Mulack hingegen betonte, dass vor allem die Jugend die Zukunft der Region gestalten werde. Er zeigte Parallelen zur französischen Revolution auf und erklärte, dass politische Transformationsprozesse Zeit bräuchten und von Übergangsphasen geprägt seien, die Radikalismus aufweisen könnten.