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Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Expertenforums „Dimensionen der Solidarität“




Prof. Dr. Volker Kronenberg, Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der Bonner Akademie




Prof. Dr. Markus Gabriel, Inhaber des Lehrstuhls für Erkenntnistheorie, Philosophie der Neuzeit und Gegenwart der Universität Bonn




Prof. Dr. Clemens Albrecht, Direktor des Käte Hamburger Kollegs "Recht als Kultur" an der Universität Bonn




Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Peter-Christian Müller-Graff, Geschäftsführender Direktor des Instituts für deutsches und europäisches Gesellschafts- und Wirtschaftsrecht der Universität Heidelberg




Prof. Dr. Katja Bender, Professorin für Volkswirtschaftslehre, insbesondere wirtschaftliche und soziale Entwicklung, an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg

 
Am 9. Juni fand in der Bonner Akademie ein Expertenforum zum Thema „Dimensionen der Solidarität“ statt. Als Experten waren Prof. Dr. Markus Gabriel und Prof. Dr. Clemens Albrecht, beide von der Universität Bonn, sowie Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Peter-Christian Müller-Graff von der Universität Heidelberg und Prof. Dr. Katja Bender von der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg geladen, die in kurzen Impulsbeiträgen aus Sicht ihrer jeweiligen Wissenschaftsdisziplinen zum Themenkomplex „Solidarität“ Stellung nahmen und sich anschließend den Fragen der Veranstaltungsteilnehmer stellten. Das Expertenforum wurde vom Vorsitzenden des Wissenschaftlichen Beirats der Bonner Akademie, Prof. Dr. Volker Kronenberg, moderiert.

In seiner thematischen Einführung beleuchtete Professor Volker Kronenberg die historischen und geistesgeschichtlichen Wurzeln des Solidaritätsbegriffs. Dabei ging er insbesondere auf den römischen Politiker und Philosophen Marcus Tullius Cicero und dessen These von der Solidarität der Tugenden ein. Mit Blick auf die Französische Revolution verwies er auf den Begriff der Brüderlichkeit, der synonym mit „Solidarität“ verwendet werden könne. Besonders betonte der Politikwissenschaftler die Facettenvielfalt des Begriffs „Solidarität“ und illustrierte dies an dem denkwürdigen Satz „Unser Herz ist weit, aber unsere Möglichkeiten sind endlich“ von Bundespräsident Joachim Gauck.

Dieser Facettenreichtum wurde auch in den folgenden Impulsreferaten aus den verschiedenen Disziplinen sehr deutlich. Als erster Redner betonte Professor Markus Gabriel, Inhaber des Lehrstuhls für Erkenntnistheorie, Philosophie der Neuzeit und Gegenwart der Universität Bonn, dass unter Solidarität aus philosophischer Sicht eine „gerechtigkeitsbefördernde Einstellung“ verstanden werden könne. In seinem Vortrag zu den philosophisch-ethischen Dimensionen des Solidaritätsbegriffs widmete er sich u. a. der Problematik des Begriffs, die sich an den Realisierungsbedingungen seines Anspruchs manifestiere. Zusätzlich zeigte er die Vielfalt des Begriffs „Solidarität“ auf, der beispielsweise im Marxismus als strategisches Handeln und in der Philosophie als handlungskonstitutive Norm verstanden wird. Der Auffassung, dass Solidarität eine Tugend sei, widersprach Professor Clemens Albrecht, Direktor des Käte Hamburger Kollegs „Recht als Kultur“ an der Universität Bonn. Vielmehr vertrat der Soziologe ein Verständnis von Solidarität, das den Begriff als „bestehende Einstellung“ begreift. Zentrale These seines Vortrags zu den den sozialen Grundlagen der Solidarität war, dass Solidarität im Handlungssystem konstitutiv angelegt ist und immer zwischen den beiden Polen „Eigeninteresse“ und „Selbstinteresse“ oszilliert. Neben dem Verweis auf die Unterscheidung zwischen „mechanischer“ und „organischer Solidarität“ bei Émile Durkheim ging Albrecht auch auf den Solidaritätsdruck für den Einzelnen ein, der jedoch durch staatliche Einrichtungen Entlastung finde.
 
Professor Peter-Christian Müller-Graff, Geschäftsführender Direktor des Instituts für deutsches und europäisches Gesellschafts- und Wirtschaftsrecht der Universität Heidelberg, thematisierte die Solidarität zwischen Organisationen und veranschaulichte dies am Beispiel des europäischen Unionsrechts, das auf drei Säulen – System, Prinzipien, Regeln – beruhe. Zweifelsohne, so der Jurist, sei Solidarität ein Grundbegriff des Unionsrechts. Dennoch sollte in Rechnung gestellt werden, dass der Begriff ein abstraktes Wort darstelle und demzufolge verschieden auslegbar sei. So würde zwar immer wieder der „Geist der Solidarität“ zwischen den EU-Mitgliedstaaten beschworen und ein solidarisches Handeln propagiert, doch spiegle sich dieser Vorsatz in der Realität kaum wider. Den Abschlussvortrag hielt Professorin Katja Bender, VWL-Professorin an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. Die Volkswirtin referierte zu Solidarität als Investition in Entwicklung am Beispiel sozialer Sicherung. Dazu stellte sie zunächst unterschiedliche Modelle sozialer Sicherung vor und konstatierte sodann eine „Renaissance des Politikfelds ‚soziale Sicherung‘“. So seien weltweit vielfältige Reformprozesse zum Ausbau der sozialen Sicherung angestoßen worden, da man erkannt habe, dass soziale Sicherung auch wirtschaftliche Entwicklung fördern könne. Am Beispiel der sozialen Absicherung im Krankheitsfall wies sie anschließend auf das damit verbundene Ausgangsproblem des hohen Anteils an Direktzahlungen an den Gesamtausgaben für Gesundheit hin. Erklärtes Ziel sei es, durch den Ausbau sozialer Sicherung eine Reduzierung des Anteils der Direktzahlungen zu bewirken.

In seiner Schlussbetrachtung stellte Professor Kronenberg abschließend fest, dass Solidarität als Begriff und dessen Existenzberechtigung von den Referenten nicht infrage gestellt worden seien. Für die weitere Diskussion stelle sich vielmehr die erkenntnisleitende Frage, wie sich Solidarität in unterschiedlichen Kontexten konkret auspräge.