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Das Internet und Soziale Netzwerke haben die Politik und Wahlkämpfe in den letzten Jahren grundlegend verändert. Die politische Online-Kommunikation in den Vereinigten Staaten von Amerika nimmt dabei spätestens seit dem Wahlkampf von Barack Obama im Jahr 2008 eine Vorreiterrolle ein. Auf Einladung des Präsidenten der Bonner Akademie, Bodo Hombach, reisten unter der Leitung von Dr. Manuel Becker vier Studenten nach Washington, D.C., um US-amerikanische Online-Wahlkämpfe und Internet-Politik mit der Bundesrepublik Deutschland zu vergleichen. Die Exkursion vertieft einen Forschungsaufenthalt in Berlin im Frühjahr 2013, bei dem die Rolle des Internets auf die deutsche Politik untersucht wurde. 


Ralph Sina (5. v. l.) mit den Exkursionsteilnehmern
Obamas pseudo-intime Nutzung von Sozialen Netzwerken widerspricht der Realpolitik
 
Ralph Sina, Washington-Korrespondent des WDR, nahm zunächst eine Bestandsaufnahme der „klassischen“ Medien in den USA vor und erkannte drei grundsätzliche Tendenzen: Erstens polarisiere sich die Medienlandschaft zunehmend, zweitens habe das Kriterium der Transparenz das ehemalige Journalismus-Leitbild der Sachlichkeit ersetzt, und drittens gewinne das Mäzenatentum, also subventionierter Journalismus, im Internetzeitalter immer weiter an Bedeutung. Bedingt durch die exzessive Nutzung von Facebook und Twitter, unzählige Werbespots und zahlreiche Fernsehduelle in der „heißen Phase“ von Wahlkämpfen habe sich in den USA ein politischer „information overkill“ eingestellt. Am Beispiel von Barack Obama kritisierte der WDR-Korrespondent den pseudo-intimen Zugang, den Social-Media-Aktivitäten suggerieren. Laut Sina stimmten in der Vergangenheit Aussagen des US-Präsidenten in Sozialen Netzwerken nicht mit dessen realpolitischen Handlungen überein, was die NSA-Affäre und die Diskussion um Guantánamo verdeutlichten.

Jon Ebinger (rechts) und die Studentengruppe
Soziale Netzwerke fungieren als „faster tool, more efficient tool, more democratic tool“

Jon Ebinger, Professor an der Georgetown University, betrachtete die Rolle des Internets in der Politik aus journalistischer und medienwissenschaftlicher Perspektive. Die grundlegende Transformation der Politik durch das Internet sei gerade für ältere Journalisten eine große Herausforderung. Im Gegensatz zu Sina betrachtete Ebinger die Scheinpolitik im Internet nicht als gänzlich negativ. Denn die Präsenz von Politikern in Sozialen Netzwerken sei lediglich eine Fortführung der Selbstinszenierung auf einem neuen medialen Kanal. Das Web 2.0 bewertete Ebinger als außerordentlich hilfreich für den politischen Prozess, weil das Interent schneller, effizienter und demokratischer sei als alle anderen Medien.


Gespräch mit den Bloggern Samuel George (3. v. l.) und Cornelius Fleischhaker (4. v. l.)
Der klassische Journalismus stirbt aus, wird aber noch immer benötigt
 
Samuel George, Mitarbeiter bei der Bertelsmann Stiftung und Gründer eines politischen Blogs über Südamerika, grenzte zunächst den Weblog von klassischem Journalismus ab. Im Gegensatz zu den Printmedien erlebten Blogs in den vergangenen Jahren einen Aufschwung. Das Internet böte die Möglichkeit, mit geringem finanziellen Aufwand eine große Leserschaft zu erreichen und eigene Ideen zu verbreiten. Für George begrenzen sich Blogs nicht nur auf die sachliche Berichterstattung, sondern bieten die Möglichkeit, Themen zu kommentieren und zu vertiefen. Durch die interne Verflechtung der Blogger-Community bilde sich ein Expertennetzwerk, das traditionelle Grenzen des Journalismus aufbrechen könne.
 
Laut Cornelius Fleischhaker, Mitarbeiter bei der Weltbank und Blogger, seien die klassischen Medien dennoch unverzichtbar. Dies zeige sich daran, dass auch Weblogger nach Erwähnung in Zeitungen oder im Fernsehen streben, um ihren Bekanntheitsgrad zu steigern. Der Einfluss Sozialer Medien auf die Politik werde aber auch in Zukunft steigen. So seien politische Revolutionen bereits heutzutage ohne Social Media nicht mehr denkbar und realisierbar.

Die Exkursionsteilnehmer und Dr. Becker
Der Forschungsaufenthalt in Washington DC lieferte ein ambivalentes Bild über den Nutzen des Internets für die Politik. Obwohl alle Gesprächspartner die Chancen und Möglichkeiten des Web 2.0 herausstellten, kamen durchaus kritische Töne auf. Beispielsweise zweifelten alle Interviewten an der Glaubwürdigkeit der politischen Informationen in den Sozialen Medien. Während Ralph Sina im Hinblick auf den personalisierten Wahlkampf auf den mangelnden Datenschutz hinwies, wurde dieser Aspekt von den US-amerikanischen Gesprächsgästen nicht als negativ bewertet. Es wird interessant sein zu beobachten, ob und wie das Internet zukünftig Wahlkämpfe (mit-)entscheiden und zur Informiertheit der Wählerschaft beitragen kann.
 
Die Ergebnisse der Exkursion werden Eingang in die Seminararbeiten der Studierenden sowie in die künftige Forschungstätigkeit der BAPP finden.