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Studentengruppe mit Jörg Hamann (2. v. r.), Ressortleiter "Stuttgart und Region" bei den Stuttgarter Nachrichten
Stuttgart 21 gilt bereits heute als eines der folgenreichsten Großprojekte für Politik, Medien und Wirtschaft. Gerade die Protestbewegung um dieses Großprojekt, die erstmals in weitreichender Form die Neuen Medien zu Nutzen verstand, ist beispielhaft. Im Auftrag von Bodo Hombach, Präsident der Bonner Akademie, reiste daher am 23. Oktober 2012 eine Studentengruppe nach Stuttgart, um Stuttgart 21, die Protestbewegung sowie deren Folgen mit besonderem Blick für die Rolle der Neuen Medien bei Stuttgart 21 zu beleuchten.

In Stuttgart interviewten die drei Studenten und der begleitende Dozent den Vorsitzenden der Geschäftsführung der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck GmbH, Herrn Dr. Stefan von Holtzbrinck, sowie den Ressortleiter „Stuttgart und Region“ der Stuttgarter Nachrichten, Jörg Hamann. Am 21. September 2012 wurde zudem Hans-Werner Fittkau, stellvertretender Redaktionsleiter bei Phoenix in Bonn, der als Journalist zur Zeit des Protests aus Stuttgart berichtete, zum Thema befragt.
 


Dr. Stefan von Holtzbrinck, Vorsitzender der Geschäftsführung der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrink GmbH
Lokalzeitungen überfordert

Erstes Ergebnis der Gespräche mit Herrn Dr. Stefan von Holtzbrinck und Jörg Hamann war die Einsicht, dass die Lokalzeitungen mit der schwer überschaubaren und Emotionen geladenen Stimmung während der Hochphase des Protestes überfordert waren. Auf der einen Seite war es nahezu unmöglich es den Lesern Recht zu machen, da sowohl Gegner als auch Befürworter des Projektes den Lokalzeitungen eine einseitige Berichterstattung vorwarfen und sich auf der anderen Seite die überregionalen Medien, wie Wochenzeitschriften und Zeitungen frühzeitig in die Berichterstattung einschalteten, wodurch die Bedeutung der lokalen Berichterstattung schwand. Auch die Komplexität und Professionalisierung der Debatte erschwerte eine angemessene Berichterstattung, da Beschaffung und Aufbereitung von komplexen Sachverhalten, wie in diesem Fall der Bau eines Bahnhofs die Kapazitäten einer Lokalzeitung in Teilen überstiegen. Die Folge waren gekündigte Abonnements und Imageschäden.

Hans-Werner Fittkau, stellvertretender Redaktionsleiter bei Phoenix
Neues Format: Schlichtungsgespräch

Das Schlichtungsgespräch als neuartige Form die Probleme, Versäumnisse und Streitigkeiten eines Großprojektes zu erörtern, stellte sich als Quotenschlager des öffentlich-rechtlichen Fernsehens heraus. Die Einschaltquoten waren für den Sender Phoenix hoch, das Interesse breit und zudem konstant. Im Verlauf des Schlichtungsgesprächs brachen die Einschaltquoten online und analog nicht ein, sondern blieben auf Rekordniveau bis zum Schlichterspruch Heiner Geißlers. So ist das „Schlichtungsgespräch“ nach Ansicht der Interviewten ein zukunftsträchtiges Format, welches allerdings vor Beendigung der Planungsphase vorsorglich zum Einsatz kommen sollte.

Jörg Hamann, Ressortleiter „Stuttgart und Region“ bei den Stuttgarter Nachrichten
Die Neuen Medien zur Emotionalisierung, Solidarisierung und Organisation

Ein weiteres Ergebnis der Exkursion liegt in der Besonderheit der Protestbewegung selbst. Die neuartige und in diesem Ausmaß nie dagewesene Verknüpfung einer Protestbewegung mit den Neuen Medien, ist beispielhaft. Niemals zuvor wurden Medien, wie Twitter, Facebook, Blogs, Internetseiten, Live-Cams und Chats in diesem Maße genutzt. Über Facebook-Einträge, Tweets, Blog-Einträge und Internetforen organisierten, solidarisierten und informierten sich die Beteiligten, was zu einer homogenen, hoch-emotionalisierten Protest-  aber auch Unterstützerbewegung führte. Auch wenn die im Internet geführten Diskussionen meist unsachlich und unproduktiv waren, so bewirkten die geringen Einstiegshürden der Neuen Medien dennoch eine rege Beteiligung. Die Neuen Medien spielten bei Stuttgart 21 somit eine maßgebliche Rolle. Die Schattenseiten eines so enormen Medienaufgebots offenbaren sich jedoch erst auf den Zweiten Blick.

Jörg Hamann und die Exkurionsgruppe, bestehend aus: Philipp Pohlmann, Simon Theine, Philip Ackermann und dem begleitenden Dozenten Manuel Becker M.A
Ein Signal für die Politik

Was letztendlich bleibt, ist ein nach wie vor problematisches und kostenintensives Großprojekt, dessen Zukunft nicht gesichert ist, eine sich beruhigende Protestbewegung sowie ein Signal an Politik und Gesellschaft: Die zahlreiche Beteiligung interessierter Bürger über die Neuen Medien belegt einmal mehr das gestiegene Interesse an direkter politischer Beteiligung des Bürgers. Großprojekte werden ohne eine breitangelegte  Beteiligung des Bürgers bereits während der Planungsphase nicht mehr möglich sein. Und eine lautstarke Minderheit, die mit Hilfe der Neuen Medien den Eindruck einer Mehrheit erweckt, sollte nicht pauschal die Möglichkeit gegeben werden, abgeschlossene wirtschaftliche oder politische Entscheidungen, die auf rechtlichem und demokratischem Wege korrekt zustande gekommen sind, zu stoppen oder gänzlich zu verwerfen.