Developed in conjunction with Joomla extensions.

Die Ereignisse rund um die tunesische „Jasmin Revolution“ nachzuvollziehen und dabei einen besonderen Blick auf die Rolle der Neuen Medien werfen – mit dieser Zielsetzung reiste im Auftrag des Präsidenten der Bonner Akademie, Bodo Hombach, vom 26. bis 29. März 2012 eine Forschungsgruppe in die Hauptstadt Tunis.

Das mehrköpfige Forschungsteam diskutierte mit bekannten tunesischen Journalisten und Bloggern, Abgeordneten des Übergangsparlaments sowie anerkannten Wissenschaftler über Chancen und Herausforderungen der tunesischen Bürgerbewegung.
 
Die Bonner Forschungsgruppe im Gespräch mit Jura-  und Politikstudenten der Universität Tunis
Studenten: Debatte um die eigene Identität ist „Nationalsport Tunesiens“

Wie die Revolution aus Sicht der jungen Generation abgelaufen sei, erörterte die Forschungsgruppe der Bonner Akademie gemeinsam mit ausgewählten Jura- und Politikstudenten der Universität Tunis. Ein besonderer Fokus lag hierbei auf der Frage, welche Rolle den Neuen Medien in der Bürgerbewegung zugefallen sei. Den Studenten zufolge hat vor der Revolution eine Atmosphäre des politischen Stillstands und der allgemeinen Unzufriedenheit geherrscht. Mit dem Ausbruch der Revolution sei dann die Debatte um die tunesische Identität wieder in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt.
„Diese Debatte war schon immer der Nationalsport Tunesiens“, kommentierte eine tunesische Studentin. Das nationale Selbstverständnis sei so schwer zu bestimmen, da es sich aus muslimischen Einflüssen, arabischer Tradition und französischen Prägungen zusammensetze. Aktuell sei die Suche danach eng verbunden mit der Frage der Liberalisierung, so das Fazit der tunesischen Studenten.

 
Nicole Berbuir, Christoph Kotowski, Chalotte Lefebre de Landonchamps und Manuel Becker mit Ridha Kefi, freier Journalist in Tunesien (v l n r)
Journalist Ridha Kefi: Neue Medien haben zentrale Rolle bei Liberalisierung Tunesiens gespielt

Ein weitaus positiveres Bild der Chancen und Möglichkeiten der tunesischen Nation zeichnete Ridha Kefi, freier und kritischer Journalist in Tunesien. Als Mitarbeiter des Publikationsorgan „Kapitalis.com“ hatte er die Revolution in Tunesien hautnah miterlebt: „Ich habe meine ganz persönlichen Erfahrungen mit der Diktatur unter Ben Ali gemacht“, hob der Journalist hervor. Die Triebfeder für sein späteres Engagement in der tunesischen Bürgerbewegung läge in der ungerechten und willkürlichen Behandlung, die ihm von Seiten des Regimes Ben Alis entgegen gebracht worden sei. So habe er zuvor viele Jahre für das in Frankreich produzierte Magazin Jeune Afrique gearbeitet. Dann sei das tunesische Regime ganz unerwartet mit einem attraktiven Jobangebot im politisch gesteuerten Medienapparat auf ihn zugekommen. Er kündigte bei seinem bisherigen Arbeitgeber – und dann kam auf einmal die negative Nachricht: Rückzug des Angebots von Seiten des tunesischen Regimes: „Ich stand mit leeren Händen da.“
„Wie schätzen sie die Rolle der Neuen Medien in der Revolution ein?“, fragte Charlotte Lefebvre de Ladonchamps, Mitglied der Forschungsgruppe. Dazu hatte Kefi eine klare Meinung: Durch sie sei der Transformationsprozess der alten Medien ins Laufen gebracht worden. Diese könnten heute wiederum die Rolle übernehmen, die sich in einer liberalen Demokratie anböte: Heute gebe es deutlich mehr Fernseh- und Radiosender als unter Ben Ali und die kritische Berichterstattung gelinge insgesamt relativ gut. Trotzdem brauche es noch einige Zeit, bis aus „regimehörigen Schreiberlingen professionelle und investigative Rechercheure“ entstünden. Zweifellos falle den Medien aber eine zentrale Rolle bei der Liberalisierung des Landes zu.

Berater Abdallah Labidi: „Blogger und Neue Medien werden überschätzt“

Hinsichtlich der Neuen Medien in der „Jasmin Revolution“ kam Abdallah Labidi, Berater des tunesischen Außenministers, zu einem anderen Ergebnis: Er schätze die Rolle der Blogger für die Revolution etwas geringer ein als diese heute selbst behaupteten. Seiner Ansicht nach wäre es auch ohne die Neuen Medien zu einer Revolution gekommen. In seiner Auseinandersetzung mit der aktuellen Situation in Tunesien appellierte Labidi an Deutschland, seine weltpolitische Rolle deutlich offensiver als bisher zu interpretieren. Deutschland sei sich generell zu wenig bewusst darüber, welch hohes Ansehen die deutsche Kultur in Tunesien sowie im gesamten arabischen Sprachraum genieße.

 
Manuel Becker von der Bonner Forschungsgruppe mit Meherzia Labidi-Maiza, stellv. Vorsitzende des tunesischen Übergangsparlaments
Parlamentarierin Meherzia Labidi-Maiza: „Tunesien muss lernen, demokratisch zu streiten“

„Für mich waren die Neuen Medien die zentrale Informationsquelle in der Revolution“, betonte Meherzia Labidi-Maiza, stellvertretende Vorsitzende des tunesischen Übergangsparlaments. Als Parlamentarierin für die Ennahda, einer streng muslimischen Partei, die mit 37 Prozent die Mehrheit der Abgeordneten im Übergangsparlament stellt, untermauerte Labidi-Maiza in dem Gespräch ihr Ideal, islamische und moderne Werte in der Politik zu verbinden. Sie sei als Übersetzerin in Europa ausgebildet worden und hätte dadurch die Möglichkeit gehabt, die Kultur, Philosophie und Literatur Europas kennen zu lernen. „Ich bin eine große Anhängerin der Diskurstheorie von Jürgen Habermas“, erläuterte sie. Ihrer Meinung nach werde es aber noch dauern, bis man in Tunesien die Kunst des liberalen herrschaftsfreien Diskurses gelernt habe. Politisch eine andere Meinung zu vertreten, ohne sich gleichzeitig als Feind zu betrachten, sei eine essentielle Lektion, die es zu lernen gelte. Man müsse akzeptieren, im besten Sinne demokratisch streiten zu können und dabei einander gleichzeitig zu respektieren.

 
Diskussion mit Abgeordneten des tunesischen Übergangsparlaments
Abgeordnete der assemblé constituante: „Tunesien hat noch einen langen Weg vor sich“

Die Abgeordneten des Übergangsparlaments nahmen eine realistische Position zur Frage ein, inwiefern sich Tunesien in den nächsten Jahren in eine funktionierende Demokratie verwandeln könne. Unter den Parlamentariern der so genannten „Troika“ – der drei miteinander koalierenden Parteien sowie der Opposition – zeichnete sich eine nahezu einheitliche Meinung ab: Tunesien habe noch einen langen Weg zurückzulegen, bevor sich erkennbare demokratische Strukturen in den einzelnen politisch-gesellschaftlichen Bereichen etablieren würden. Zur Rolle der Neuen Meiden meinten sie: Zwar hätten sie eine entscheidende Bedeutung für die Revolution gehabt, bedürften aber nun einer besseren Kontrolle, da Denunziationen, Beleidigungen und Rufmordkampagnen mittlerweile leider an der Tagesordnung seien.

 
Die Forschungsgruppe und Hana Ben Abda (rechts), Dozentin für offentl. Recht und Politikwissenschaften vor dem Parlamentsgebäude
Fazit der Exkursion: Tunesien befindet sich in wichtiger Phase der Transformation

Insgesamt zeigte sich Tunesien der Forschungsgruppe der Bonner Akademie als ein Land, das sich unverkennbar in einer wichtigen Phase der Transformation befindet. „Es ist zwar ein liberales politisches Bewusstsein erkennbar vorhanden. Die Zivilgesellschaft hat einen massiven Politisierungsschub erfahren. Doch inwiefern sich dieses Bewusstsein in der politischen Praxis widerspiegeln wird, bleibt abzuwarten“, fasste Manuel Becker von der Forschungsgruppe seine Einschätzung zu Tunesien zusammen. Die Debatte um die Vereinbarkeit von Islam und Demokratie sei in allen Gesprächen ein wichtiges und zentrales Thema gewesen.
Im Kern ginge es stets darum, religiöse Werte als eine wichtige materielle Rechtsquelle in eine säkulare Sprache zu übersetzen und in positives Recht zu transformieren. Wie und in welchem Umfang genau dies geschehen solle, sei eine zentrale Frage, die die Tunesier derzeit umtreibt. Bei allen sei jedoch ein starker Wille spürbar, ihr Land zu einer stabilen Demokratie mit liberalen Spielregeln auszubauen. Immer wieder hätten die Abgeordneten betont, dass ein Scheitern dieses Prozesses keine Alternative sei. Aus dieser Grundeinsicht würden sie ihre optimistische Grundeinstellung rekrutieren, ohne die sie ihre Arbeit nicht mit so viel Engagement betreiben könnten.

Aktuell werden die Ergebnisse, Kontakte und Eindrücke der Tunesien-Exkursion im Forschungsprojekt „Digitale Citoyens“ der Bonner Akademie analysiert und weiterverarbeitet. Die Forschungsgruppe um Professor Dr. Caja Thimm und Martin Stadelmaier wird sich in den kommenden Monaten mi dem Stellenwert von facebook, twitter und Co. in den neuen Bürgerbewegungen auseinandersetzen.