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Prof. Bodo Hombach, Präsident der Bonner Akademie, machte in seiner Einführung deutlich, welchen Wandel die (politische) Rede seit Jahrtausenden durchmacht.




Ulrich Noethen las und diskutierte auf dem Podium über Wirkung und Wandel politischer Rhetorik.




Prof. Dr. Uwe Pörksen, Sprachwissenschaftler und Autor, analysierte die rhetorischen Komponenten der einzelnen Reden.




Florian Kessler, Lektor und Kulturjournalist.




Ulrich Noethen schaffte es, die exemplarischen Reden für das Bonner Publikum erfahrbar zu machen.




Blick auf das Podium: Ulrich Noethen, Prof. Dr. Uwe Pörksen und Florian Kessler (v.l.n.r.).




 
„Ich bin ein Berliner“, „I have a dream“, „Yes we can“ - Große politische Reden können den Zeitgeist prägen und manchmal sogar die Welt verändern. Auch in der deutschen Geschichte gibt es Beispiele dafür, doch wird in jüngster Zeit immer mehr der Bedeutungs-, aber auch Qualitätsverlust politischer Reden beklagt. Zwischen Eilmeldungen und 140-Zeichen-Tweets dringen die Reden kaum noch zu den Menschen durch.

Der Frage, welche Elemente eine gute politische Rede ausmachen, aber auch wie sich politische Rhetorik im Wandel der Zeit verändert hat, ging die BAPP in Kooperation mit dem internationalen Literaturfestival lit.COLOGNE im Rahmen der Veranstaltung „Mit Verlaub, Herr Präsident…“ Wirkung und Wandel politischer Rhetorik“ am 16. Mai 2017 nach. Der Theater- und Filmschauspieler Ulrich Noethen las dafür exemplarische Reden und diskutierte mit dem Kulturjournalisten und Lektor Florian Kessler und dem Sprachwissenschaftler Prof. Dr. Uwe Pörksen über Wirkung und Wandel politischer Rhetorik
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Zu Beginn der Veranstaltung begrüßte Prof. Bodo Hombach, Präsident der Bonner Akademie, die Gäste und sprach über die Bedeutung des gesprochenen Wortes in der politischen Welt: Dieses habe die Kraft, Massen zu bewegen. In der Vergangenheit habe eine gute Rede den Aufstieg eines Politikers bewirken, eine schlechte wiederum die Karriere beenden können. Zudem habe auch die Literatur große politische Reden hervorgebracht, etwa Marc Antons Worte in Shakespeares Julius Caesar.
 
An die Worte von Prof. Bodo Hombach schloss Ulrich Noethen in der Eingangsdiskussion an, dass politische Rhetorik voller Emotionen sei und sich oft nah an der Grenze zur Manipulation bewege, weil sie die Menschen überzeugen wolle. Dem stimmte Prof. Dr. Uwe Pörksen zu und ergänzte, das gesprochene Wort mache nur einen kleinen Teil politischer Reden aus, der Rest seien Gestik, Mimik oder Tonfall.
 
Plastisch wurde diese Einschätzung im Anschluss am Beispiel einer ersten Rede, der Fernsehansprache Willy Brandts anlässlich der Unterzeichnung der Moskauer Verträge im Dezember 1970, die Noethen im Verlauf der Veranstaltung las. Für Pörksen handelt es sich dabei um die bedeutendste Rede der politischen Ära Brandt. Er lobte die genaue und durchdachte Sprache sowie den vorsichtig-diplomatischen Stil. Die Ansprache, in der der Bundeskanzler die gelungene Annäherung zwischen Deutschland und der Sowjetunion als Verwirklichung seines Regierungsziels bezeichnete, sei gut vorbereitet und ebenso gut vorgetragen gewesen. Damit erfülle sie alle Kriterien einer guten und überzeugenden Rede.
 
Einen anderen Stil politischer Rhetorik verdeutlichte Noethen am Beispiel einer wütenden Ansprache von Franz-Josef Strauß vor dem Landesausschuss der Jungen Union in Bayern 1976. In der Rede, die als Wienerwald-Rede in die Geschichte eingegangen ist, attackierte der CSU-Vorsitzende die Schwesterpartei CDU und deren Kanzlerkandidaten Helmut Kohl heftig. In Noethens Vortrag wurden sowohl die hohe Emotionalität Strauß‘ als auch die durch persönliche Erfahrungen geprägte Rhetorik für das Publikum direkt erfahrbar. Strauß habe sich von seinen Emotionen leiten lassen, hielt Noethen in der anschließenden Diskussion fest. Pörksen stimmte ihm zu und sagte, Strauß‘ Enttäuschung in dem Konflikt zwischen den Unionsparteien sei deutlich bemerkbar. Seine Ausdrucksweise sei völlig unpolitisch, in ihr offenbare sich vielmehr die spontane Totalerregung eines hitzigen Mannes. Somit stehe die Rede in deutlichem Kontrast zu der diplomatischen Rhetorik Willy Brandts.
 
Als weitere Textbeispiele für die Podiumsdiskussion dienten die – ebenfalls von Ulrich Noethen vorgetragene – Rede der FDP-Abgeordneten Dr. Hildegard Hamm-Brücher, die sie anlässlich der Abstimmung über ein konstruktives Misstrauensvotum gegen Bundeskanzler Helmut Schmidt am 1. Oktober 1982 hielt, sowie eine Ansprache Joschka Fischers vor einem außerordentlichen Parteitag der Grünen anlässlich der Entscheidung der rot-grünen Regierung, sich an der NATO-Intervention im Kosovo zu beteiligen. Beide Ansprachen behandeln Gewissenskonflikte, artikulieren diese rhetorisch jedoch auf unterschiedliche Art und Weise. Auf der einen Seite, so Prof. Pörksen, stehe die klare Sprache und Ausdrucksweise Dr. Hamm-Brüchers im Plenum des Plenarsaals; auf der anderen die eindringliche und emotionsgeladene Rhetorik Joschka Fischers, der sich, wie Ulrich Noethen erinnerte, mit seiner Rede gegen massive Störversuche aus dem Publikum durchsetzen musste.

In der abschließenden Diskussion stellten die Podiumsgäste fest, dass die politische Rede sich in den vergangen Jahrzehnten gewandelt habe. Leider, so Pörksen, fehle es heutzutage an einer sachlichen Auseinandersetzung mit politischer Rhetorik; eigentlich sitze man nur noch auf einer ,Stimmungsschaukel‘. Obwohl, wie Kessler konstatierte, Sprachkritik so lange existiere wie es Sprache gebe, mangele es an einer Analyse der Intentionen politischer Reden und einer Deutung ihres ursprünglichen Sinns.

Die Begrüßungsrede von Prof. Bodo Hombach zum Nachlesen