Developed in conjunction with Joomla extensions.


Praktiker und Experten diskutierten beim Bonner Forum über die Potentiale des internationalen Erfahrungsaustauschs.



Dr. Karsten Jung (Mitte), Geschäftsführer der BAPP, erläuterte einführend die Relevanz des Themas.



Mohammad Razvi, Gründer der New Yorker Organisation Council of Peoples Organization und internationaler Projektpartner.




Selim Asar, Gruppenleiter beim Projekt Heroes in Duisburg.




Cihan Sert, Dozent am Bildungszentrum Handwerk der Kreishandwerkerschaft Duisburg.





Sebastian Johna, Projektleiter für den Bereich Migration und Integration der Goethe-Institute in Deutschland.





Prof. Dr. Volker Kronenberg, Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats der BAPP.

 
Über die Potentiale des internationalen Erfahrungsaustauschs in der Integrationsarbeit diskutierten Praktiker und Experten am 29. März 2017 beim Bonner Forum zum Thema „Voneinander Lernen - Innovative Integrationsprojekte im nationalen und internationalen Vergleich“.Die Veranstaltung fand im Rahmen des Forschungsprojekts „Wieviel Islam gehört zu Deutschland? Integrationserfahrungen junger und alter Menschen in einer säkular geprägten Gesellschaft am Beispiel des Ruhrgebiets“ statt, das die Bonner Akademie in der Kooperation mit der Brost-Stiftung und unter Schirmherrschaft von Christian Wulff, Bundespräsident a.D., durchführt.

Dr. Karsten Jung, Geschäftsführer der Bonner Akademie, erläuterte einführend den Kontext: In Zeiten der Globalisierung sei die Gestaltung von Einwanderung und Integration längst eine internationale Herausforderung, doch die Diskussion und Entwicklung von Lösungsansätzen finde allzu oft noch im nationalen Rahmen statt. Dabei könne ein Blick über den ,Tellerrand‘ auf die Erfahrungen und Erfolge in anderen Ländern nicht nur die integrationspolitische Debatte, sondern auch die konkrete Projektarbeit vor Ort befruchten. Einen solchen Blick über den ,Tellerrand‘ habe auch das Forschungsprojekt im Rahmen einer internationalen Vergleichsstudie gewagt und dabei vielversprechende Ansätze identifiziert, die - an deutsche Verhältnisse angepasst - auch die heimische Integrationsarbeit befruchten könnten.

Dazu gehört auch der Ansatz von Mohammad Razvi, der in New York die Organisation Council of Peoples Organization (COPO) leitet. Einen Einblick in seine Arbeit gewann das Projektteam bereits im vergangenen Jahr bei einer Forschungsreise nach New York. Razvi, der für die Veranstaltung eigens nach Bonn gekommen war, gründete die COPO 2001 als Reaktion auf die Anschläge vom 11. September und die zunehmenden Repressalien gegen muslimische Amerikaner seitens der US-amerikanischen Sicherheitsbehörden. Ein wichtiger Fokus seiner Arbeit liege deshalb, so erläuterte Razvi, auf dem Austausch zwischen staatlichen Stellen und den verschiedenen Communities -auch um die gegenseitigen Vorurteile abzubauen. Diesem Ziel dient auch der von ihm initiierte Muslim Youth Career Day, eine Berufsmesse, die mittlerweile von mehr als 700 muslimischen Kindern besucht wird. Nahegebracht werden den Kindern dabei vor allem Jobs bei kommunalen und staatlichen Einrichtungen, etwa beim FBI, der Polizei oder der Feuerwehr. Sein Ziel sei es nicht nur, den Dialog zwischen Communities und Staat zu stärken, sondern die Kinder ganz selbstverständlich zu Teilen der amerikanischen Gesellschaft zu machen und ihre Integration auch auf diese Weise zu fördern. Dafür sei es insbesondere entscheidend, Führungspersönlichkeiten frühzeitig zu identifizieren und gezielt zu fördern. So sitzen ehemalige Teilnehmer seiner Programme inzwischen im Stadtrat von New York und haben erfolgreiche Karrieren etwa bei der städtischen Polizeibehörde und der New Yorker Feuerwehr begonnen

Im Anschluss daran berichteten Projektpartner aus dem Ruhrgebiet über Ihre Erfahrungen und die Schwerpunkte ihrer Arbeit: Selim Asar stellte in diesem Zusammenhang das Projekt Heroes vor, bei dem er in Duisburg als Gruppenleiter tätig ist. Das an mehr als zehn Standorten etablierte Projekt adressiert überkommene Ehrvorstellungen und setzt sich für die Gleichberechtigung von Männern und Frauen ein. Schlüssel zum Erfolg sind dabei die Heroes selber: Männliche Jugendliche, die in der Regel einen Migrationshintergrund aus traditionell patriarchal geprägten Kulturen besitzen. Sie werden über einen Zeitraum von ca. 1,5 Jahren ausgebildet und geben anschließend Workshops in Schulen, die in Form von Rollenspielen ungleiche Geschlechterverhältnisse und Ehrenkonzepte hinterfragen. Für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, erläuterte Asar, seien sie Vorbilder, eben weil sie oftmals einen ähnlichen Hintergrund besäßen. Ziel der Workshops sei nicht, die Jugendlichen zu belehren, sondern ihnen auf Augenhöhe zu begegnen und zum Nachdenken über bestimmte - bisher unhinterfragte - Konstrukte anzuregen.

Cihan Sert, Dozent am Bildungszentrum Handwerk der Kreishandwerkerschaft Duisburg, richtete den Fokus auf die Integration der Menschen, die in den letzten zwei Jahren zu uns gekommen sind. Beim Bildungszentrum Handwerk ist er im Projekt Gemeinsam in die Ausbildung tätig, das geflüchtete Jugendliche und junge Erwachsene in die Ausbildung vermitteln will. Um ein solches Projekt erfolgreich zu gestalten, sei es wichtig, Anreize für die Unternehmen zu setzen und ihre Interessen zu verstehen. In Zeiten des Fachkräftemangels gehe es ihnen vor allem darum, gutes und kompetentes Personal zu gewinnen. Biete man den geflüchteten Menschen die entsprechende Unterstützung und Vorbereitung, so Sert, seien Unternehmen sehr interessiert daran, engagierte Auszubildende zu gewinnen. Wichtig sei jedoch, dass die Unterstützung sich nicht nur auf Sprachunterricht beschränke, sondern auch kulturelle Bezüge zu der neuen Heimat herstelle.

 Sebastian Johna, Projektleiter Migration und Integration der Goethe-Institute in Deutschland, führte in die Projektarbeit des Goethe-Instituts im Tätigkeitsfeld Islam in Deutschland ein. Zwei zentrale Themen seien dabei die Fortbildung der Funktionsträger islamischer Gemeinden in Deutschland, die im Projekt Islamische Gemeinden als kommunale Akteure umgesetzt wurde, sowie die Jugendarbeit, die in Essen beispielsweise in Form der KIM-E-Jugend gefördert wird. Vor allem letzteres sei dabei der Schlüssel zum Erfolg. Die Jugendarbeit müsse jedoch von innen wachsen, weniger erfolgreich sei es, Konzepte und Inhalte von außen vorzugeben.

In der abschließenden Diskussion waren sich die Teilnehmer einig, dass es zunächst schon viel helfe, alle beteiligten Akteure an einen Tisch zu bringen und gemeinsame Anliegen und Interessen zu identifizieren statt Differenzen und Trennendes in den Vordergrund zu rücken -ganz unabhängig vom nationalen Kontext. Auch die Kombination unterschiedlicher Ansätze sowie die Zusammenarbeit mit zahlreichen -nationalen wie internationalen -Partnern seien Erfolgsfaktoren. Prof. Dr. Volker Kronenberg, Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats der Bonner Akademie, ergänzte in diesem Sinne -auch vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Entwicklungen -, dass darüber hinaus auch die Identitätskonflikte der Menschen mit Migrationshintergrund und die Gründe hierfür stärker adressiert werden sollten, gerade hier könnten ein internationaler Blick und das ,Voneinander Lernen‘ sehr hilfreich sein.