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Amsterdam und die Niederlande sind bekannt für die multikulturelle Gesellschaft, jedoch lassen sich auch hier - wie im Rest Europas - wachsende Ressentiments gegenüber Muslimen feststellen.






Im Gespräch mit Thami Schweichler (r.m.) und Ann Cassano (r.h.) von Makers Unite.





Makers Unite produziert in der eigenen Werkstatt u.a. Schlüsselbänder aus den getragenen Schwimmwesten der Geflüchteten.





Hans Krikke (r.) und Godfrey Lado (l.) von der Stichting Samenwonen – Sameleven.





Steven Lenos, Berater bei Radar Advies erklärt die spezifischen Herausforderungen in den Niederlanden.








































 
Die internationale Vergleichsstudie, die im Rahmen des Forschungsprojekts „Wieviel Islam gehört zu Deutschland? Integrationserfahrungen junger und alter Menschen in einer säkular geprägten Gesellschaft am Beispiel des Ruhrgebiets“ durchgeführt wird, führte das Projektteam am 13. März 2017 nach Amsterdam. In Gesprächen mit Experten aus Praxis und Beratung gewann die Bonner Delegation wichtige Einblicke in die niederländische Integrationsarbeit.

Die Niederlande sind ein traditionelles Einwanderungsland mit einer langen und vielfältigen Migrationsgeschichte. Die koloniale Vergangenheit, aber auch die - ähnlich wie in der Bundesrepublik - offensive Anwerbung der sogenannten Gastarbeiter spiegeln sich in einer vielfältigen Gesellschaftsstruktur wider. Das niederländische System der Versäulung führte jedoch auch dazu, dass Kulturen oftmals eher nebeneinanderher als miteinander lebten. Auch deshalb werden jüngst Stimmen immer lauter, die das niederländische System des Multikulturalismus als gescheitert erklären. Hinzu kommen der wachsende Rechtspopulismus und ein zunehmend islamfeindlicher Diskurs - Entwicklungen, die sich auch für Deutschland attestieren lassen. Ziel der Forschungsreise war es dementsprechend, vielversprechende Ansätze und Best-Practices zu identifizieren, die sich - auch vor dem Hintergrund ähnlicher Herausforderungen - auf deutsche Verhältnisse und die Bedingungen des Ruhrgebiets übertragen lassen.

Thami Schweichler und Ann Cassano erläuterten in diesem Zusammenhang die Arbeit von Makers Unite, einer Initiative für Migranten - vor allem Geflüchtete - die Integration über die gemeinsame Entwicklung nachhaltiger Produkte fördern möchte. In sechswöchigen Workshops arbeiten die Geflüchteten gemeinsam mit niederländischen Freiwilligen zusammen. Die kleinen Gruppen ermöglichen eine Anpassung des Programms an die individuellen Bedürfnisse der Teilnehmenden, die niedrigschwellig in persönlichen Gesprächen identifiziert und thematisiert werden. Dies trägt zum einen zum Empowerment der Teilnehmenden bei, soll aber durch unterschiedliche Kampagnen auch eine Diskussion zwischen Flüchtlingen und der Mehrheitsgesellschaft ermöglichen. Die Workshops tragen darüber hinaus auch zur funktionalen Integration bei, indem Makers Unite sein Netzwerk nutzt, um langfristig in Praktika und Jobs zu vermitteln.

Daran anschließend führten Hans Krikke und Godfrey Lado in die Arbeit der Stichting Samenwonen – Sameleven ein, die in einem Amsterdamer Problembezirk ein etabliertes Nachbarschaftszentrum betreibt, das täglich von ca. 300-400 Menschen besucht wird. Der Ansatz des Vereins beruht auf Reziprozität, d.h. alle Menschen, die auf der Suche nach Hilfe in das Zentrum kommen, werden im Gegenzug um einen Beitrag gebeten, der ihren Fähigkeiten entspricht. Der Blickwinkel ändert sich somit - Hilfesuchende werden von Klienten zu Teilnehmern, was zum einen die Verbindlichkeit erhöht, aber auch zu Empowerment und einer Stärkung des Selbstbewusstseins beiträgt. Ein großer Schwerpunkt der Arbeit liegt zudem auf Kooperationen zwischen einzelnen Communities, die auf den gemeinsamen Interessen aller basieren. Denn ohne die gemeinsamen - Community-übergreifenden - Interessen zu identifizieren, so Krikke, sei es schwer, Zusammenarbeit zu fördern.

Einen anderen Blick auf den Themenkomplex der Integration ermöglichte der Austausch mit Steven Lenos von Radar Advies, einer Beratungsfirma, die hauptsächlich kommunale und staatliche Stellen berät. Der Fokus liegt dabei auf Netzwerken, Change-Management und (sozialer) Innovation verbunden mit einem unternehmerischen Ansatz, der in den Bereichen gesellschaftlicher Wandel, Arbeitsmarkt sowie Jugend und Sicherheit umgesetzt wird. Radar Advies legt dabei großen Wert auf einen stetigen Perspektivwechsel und die Motivation zur Selbstorganisation. Gerade wenn es um Integration geht, kann eine Neudefinition der Zielgruppe, etwa von einzelnen Communities weg hin zu Eltern, zum Erfolg beitragen und ebenso viele für die Fragestellung relevante Menschen erreichen.

Insgesamt wurde im Rahmen der Forschungsreise deutlich, dass die Herausforderungen in den Niederlanden ganz ähnlich zum Ruhrgebiet sind, weshalb innovative Ansätze sich durchaus übertragen lassen. Gerade der Ansatz des Sozialunternehmertums verbunden mit einer hohen Skalierbarkeit, wie ihn beispielweise Makers Unite verfolgen, ist in den Niederlanden stärker ausgeprägt als bei uns. Mit Blick auf diesen Bereich konnte das Projektteam wichtige Impulse gewinnen, die die Integrationsarbeit im Ruhrgebiet ein stückweit unabhängiger von etablierten Trägern und staatlicher Förderung machen und zu längerfristiger Planbarkeit beitragen könnten ohne dabei jedoch den Wohlfahrtsstaat aus seiner Verantwortung zu entlassen. Auch ein Perspektivwechsel, der stärker auf den Aspekt der Reziprozität fokussiert, kann die heimische Integrationsarbeit befruchten und dazu beitragen, die Rolle der Menschen mit Migrationshintergrund weniger defizitär wahrzunehmen, sondern sie als aktiven und gestaltenden Teil unserer Gesellschaft zu begreifen. Wie dies in der Praxis ausgestaltet werden kann, wird die Bonner Akademie auch im weiteren Verlauf des Forschungsprojekts beschäftigen.