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Das Projektteam besuchte auch die Stockholms Moské, die größte Moschee Stockholms





Im Gespräch mit Åke Göransson (h.l.), Generalsekretär der Commission for Government Support for Faith Communities (SST) und seinen Mitarbeitern





Besuch bei Yasri Khan (m.), Generalsekretär der Schwedischen Muslime für Frieden und Gerechtigkeit, und Aya Mohammed, Regionalchefin der Organisation in Stockholm (r.)




Haider Ibrahim, Präsident der Islamischen schiitischen Gemeinden von Schweden und muslimischer Gesundheitskoordinator in Stockholm




Maja Dahl, Kommunikationsmanagerin beim Think-Tank Arena Idé




Das Projektteam in der Stockholms Moské zu Gast bei Temmam Asbai (m.r.) und Omar Mustafa (m.l.)  vom Islamiska Förbundet





Führte durch die Räumlichkeiten von Fryshuset: Martin Dworén (r.), zuständig für Public Affairs




Fryshuset, eines der größten Jugendzentren der Welt, verfügt über ein breites Angebot an sportlichen und inhaltlichen Aktivitäten, darunter auch Nordeuropas größte Indoor-Skateanlage




Mit einer Gesamtfläche von über 40.000 Quadratmetern ist Fryhuset Treffpunkt für Jugendliche unterschiedlicher Nationalitäten und Religionen























 
Im Rahmen des Forschungsprojekts „Wieviel Islam gehört zu Deutschland? Integrationserfahrungen junger und alter Menschen in einer säkular geprägten Gesellschaft am Beispiel des Ruhrgebiets“ unternahm das Projektteam am 21. und 22. November2016 im Kontext der internationalen Vergleichsstudie eine Forschungsreise nach Stockholm. In Gesprächen mit Experten aus der Praxis, Wissenschaft und Verwaltung gewann die Bonner Delegation wertvolle Einblicke in erfolgreiche best-practice-Beispiele in der Integrationsarbeit und den Umgang der muslimischen Community mit der wachsenden Islamophobie in der schwedischen Gesellschaft.

Mit über 16% der Bevölkerung, die im Ausland geboren ist, ist Schweden einer der Staaten mit dem höchsten Migrantenanteil innerhalb der EU - aktuell zählen dazu auch rund 800.000 Menschen mit muslimischen Hintergrund, die zum Teil schon in der zweiten und dritten Generation dort leben. Schweden galt dabei lange Zeit als Musterbeispiel für gelungene Integration - auch im weltweiten Vergleich. Im Zuge der aktuellen Flüchtlingsbewegungen hat jedoch auch Schweden mit ähnlichen Problemen zu kämpfen, wie der Rest der EU-Mitglieder. Arbeitsmarktintegration und zunehmende Probleme mit der Unterbringung gehen einher mit der jüngsten Verschärfung des Asylrechts und wachsenden Stimmengewinnen rechter und rechtspopulistischer Parteien. Ziel der Forschungsreise war es dementsprechend, vielversprechende Ansätze und best-practice-Beispiele zu identifizieren, die sich - auch vor dem Hintergrund ähnlicher Herausforderungen - auf deutsche Verhältnisse und die Bedingungen des Ruhrgebiets übertragen lassen.

Zu Beginn des ersten Tages erläuterte Åke Göransson, Generalsekretär der Commission for Government Support for Faith Communities (SST), die Arbeit der staatlichen Organisation, die unterschiedliche Glaubensgemeinschaften, darunter auch sieben muslimische, mit öffentlichen Geldern fördert. Die Gemeinden werden explizit auch in ihrer religiösen Arbeit unterstützt und sollen als Gruppen, die im schwedischen Verständnis eine wichtige zivilgesellschaftliche Rolle einnehmen, gestärkt werden. Dennoch, so wurde auch deutlich, handelt es sich mehr um eine symbolische Tätigkeit: Die SST verteilt jährlich ca. 9 Millionen Euro an rund 50 verschiedene Organisationen, sodass die Gemeinden jeweils nur mit eher kleinen Beträgen unterstützt werden. Darüber hinaus bietet die SST Weiterbildungsangebote, die sich an den Bedürfnissen der Communities orientieren. Dazu zählen Leadership- und politische Bildungsprogramme sowie Trainings, die religiöses Personal im Umgang mit der schwedischen Gesellschaft und spezifischen kulturellen Codes schulen.

Yasri Khan, Generalsekretär der Schwedischen Muslime für Frieden und Gerechtigkeit, und Aya Mohammed, Regionalchefin der Organisation in Stockholm, gaben einen Einblick in die Arbeit einer der größten muslimischen Jugendorganisationen in Schweden. Im Selbstverständnis eine Friedensbewegung, verfügt die 2008 gegründete Organisation mittlerweile über 20 Büros in Schweden und über 2000 Mitglieder. Zentrale Arbeitsfelder sind Bildung, Demokratie und Glaube sowie Leadership-Trainings. Darüber hinaus liegt ein weiterer Schwerpunkt der Arbeit auf der Befähigung der Jugendlichen, Organisationen aufzubauen und selbst eine gestaltende und aktive Rolle in der schwedischen Gesellschaft und Politik einzunehmen, ohne die eigene kulturelle und religiöse Identität zu vergessen. Dabei verstehen sich die Schwedischen Muslime für Frieden und Gerechtigkeit als inklusive Organisation: Ihre Mitglieder sind sowohl Sunniten als auch Schiiten und was ihren nationalen und religiösen Hintergrund angeht, divers. Diese Struktur, aber auch das klare Bekenntnis zu ihrer Religion führe jedoch auch zu Problemen, so Khan: Man müsse sehr klar in seinen eigenen Zielen und Idealen sein, um nicht zum Spielball verschiedener staatlicher Institutionen, religiöser Gemeinschaften und anderen Interessenvertretern zu werden.

Die aktuelle Situation der Muslime in Schweden im Kontext der politischen Entwicklungen erläuterte Haider Ibrahim, Präsident der Islamischen schiitischen Gemeinden von Schweden und muslimischer Gesundheitskoordinator in Stockholm. So sei die wachsende Islamophobie der Gesellschaft und auch der Medien deutlich zu spüren und erschwere die konkrete Arbeit in der Gemeinde. Vor allem die Finanzierung der eigenen Arbeit sei schwierig, da der Staat den muslimischen Gemeinden und Moscheen nur mit kleineren Summen aushelfe. Dennoch engagieren sich die schiitischen Gemeinden in Schweden in der konkreten Projektarbeit, zum Beispiel im Einsatz gegen Islamophobie oder als muslimische Seelsorger in unterschiedlichen Stockholmer Krankenhäusern. In dieser Rolle bieten sie nicht nur seelsorgerische Begleitung an, sondern auch praktische Hilfestellung etwa bei der Organisation islamkonformer Mahlzeiten.

Daran anschließend ordnete Maja Dahl, Kommunikationsmanagerin bei Arena Idé, einem gewerkschaftsnahen Think-Tank, in den breiteren Kontext politischer und gesellschaftlicher Entwicklungen in Schweden ein. In dem Podcast „Menschen und Migration“ diskutiert Arena Idé beispielsweise relevante Fragen der Migrationspolitik aus politikwissenschaftlicher und juristischer Perspektive und erreicht damit nicht nur interessierte Bürger, sondern auch Entscheidungsträger aus Politik und Verwaltung. Mit Blick auf die aktuellen politischen Entwicklungen kritisierte Dahl vor allem die Verschärfung des Asylrechts. Die Befristung der Aufenthaltsdauer und die Beschränkung des Familiennachzugs hätten nicht nur mit einer schwedischen Tradition gebrochen, sondern trügen auch zur Ungewissheit der ankommenden Menschen bei. Warum solle man sich um Integration bemühen und die schwedische Sprache lernen, wenn unklar bleibe, ob und wie lange man überhaupt bleiben dürfe, fragte Dahl in diesem Zusammenhang.

Zu Beginn des zweiten Tages erläuterten Temmam Asbai und Omar Mustafa vom Islamiska Förbundet, weitere Herausforderungen in der Integrationsarbeit als muslimische Gemeinde. Als Dachverband für unterschiedliche Mitgliedsorganisationen hat der Islamiska Förbundet sich zum Ziel gesetzt, die muslimisch-schwedische Identität zu stärken. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der Förderung des politischen Engagements der schwedischen Muslime, denn nur so könne man dazu beitragen, islamophobe Tendenzen in bestehenden Strukturen abzubauen – es gehe auch darum, die Mitglieder zu bestärken, sich auch außerhalb der muslimischen Communities einzubringen und den Austausch zu stärken. Zu diesem Zweck legt der Islamiska Förbundet auch einen Schwerpunkt auf den interreligiösen Dialog und arbeitet eng mit den christlichen Gemeinden in der Nachbarschaft zusammen. Darüber hinaus gehören auch Führungen in der angeschlossenen und größten Moschee Stockholms zum Repertoire, die mehr als 40.000 Menschen jährlich nutzen.

Der abschließende Besuch bei Fryhuset, einer Stockholmer Institution der Jugendarbeit und einem der größten Jugendzentren der Welt ermöglichte einen Einblick in die Arbeit eines erfolgreichen Sozialunternehmens. Fryshuset beschäftigt neben 550 Festangestellten nahezu 1000 Freiwillige und bietet ein sehr breit gefächertes Angebot, das von sportlichen Aktivitäten wie Basketball oder Skaten, bis hin zu konkreter inhaltlicher Arbeit in mehr als 50 Projekten reicht. Dabei liegt der Fokus weniger auf Integration per se, sondern es geht darum, einen Treffpunkt für die Jugendlichen jenseits von sozialem oder kulturellem Background zu schaffen und eine Austauschplattform für gegenseitiges Kennenlernen und Verstehen auf Basis gemeinsamer Interessen zu bieten. Vielfalt, so Martin Dworén, zuständig für Public Affairs, ist die Stärke von Fryshuset. In den konkreten Projekten werden die Ideen der Jugendlichen umgesetzt und ihren Bedürfnissen entsprechend angepasst. So gibt es beispielsweise auch Programme zum Ehrverständnis in traditionell patriarchalen Kulturen für Mädchen und Jungen.

Insgesamt, so der umfassende Eindruck, kann durchaus eine Ähnlichkeit zwischen Deutschland und Schweden attestiert werden - sowohl was die gesellschaftlichen Voraussetzungen, aber auch die Stimmung in der Bevölkerung und das Erstarken populistischer Meinungen angeht. Umso spannender und gewinnbringender war es für die Bonner Delegation, einen tieferen Einblick in die skandinavischen Lösungsansätze gewinnen zu können. Vor allem der Fokus auf Leadership-Trainings und politisches Empowerment der Menschen mit Migrationshintergrund sind Ansätze, die in Deutschland – und speziell im Ruhrgebiet – bisher nicht im Fokus stehen, deren weiterer Ausbau und gezielte Förderung jedoch einen äußerst positiven Effekt versprechen. Eine stärkere Verankerung in den integrationspolitischen Initiativen wäre demnach wünschenswert. Damit bestätigt und verstärkt die Exkursion nach Stockholm auch die bereits beim Forschungsaufenthalt in New York im März dieses Jahres gewonnen Eindrücke.

Mit Blick auf die Finanzierung integrationspolitisch engagierter Organisationen wurde deutlich, dass die Rolle des Staates in der Finanzierung eine deutlich stärkere Rolle spielt. Die Förderung durch Stiftungen und private Initiativen ist in Schweden bisher nur wenig ausgeprägt und unterscheidet sich insofern von den heimischen Gegebenheiten. Umgekehrt kann auf diesem Wege jedoch teilweise eine langfristigere – und damit nachhaltigere – Finanzierung sichergestellt werden als in den häufig projektgebundenen Förderlinien hierzulande. Auch hier verspricht die Zusammenführung mit den Ergebnissen der New Yorker Studie erhebliches Potential, da dort das Stiftungswesen sehr ausgeprägt ist, während der Staat sich aus der Förderung sozialpolitischer Initiativen nahezu zurückgezogen hat.