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Exkursion nach New York im Rahmen des Forschungsprojekts vom 29. März bis 1. April 2016




Lena Alhusseini, Geschäftsführerin des Arab American Family Support Center












Besuch beim Center for the Integration and Advancement of New Americans


Muzzaffar Chishti, Direktor des an der NYU angesiedelten Büros des Migration Policy Institutes




Treffen mit Mohammad Razvi, Council of Peoples Organization und Bob Kaplan, Jewish Community Relations Council




Robia Niaz, Gründerin von Turning Point





Edna Iriarte, Projektmanagerin bei der New York Foundation



New York Community Trust















New York Immigration Coalition












 
Im Rahmen des Forschungsprojekts „Wieviel Islam gehört zu Deutschland? Integrationserfahrungen junger und alter Menschen in einer säkular geprägten Gesellschaft am Beispiel des Ruhrgebiets“ unternahm das Projektteam vom 29. März bis zum 1. April 2016 eine Forschungsreise nach New York. In Gesprächen mit Praktikern, Wissenschaftlern und Stiftungsvertretern gewann die Bonner Delegation wertvolle Einblicke in erfolgreiche Integrationsprojekte und die spezifischen Herausforderungen für in den USA lebende Muslime durch 9/11 und den aktuellen Präsidentschaftswahlkampf.

Lena Alhusseini, Geschäftsführerin des Arab American Family Support Center, berichtete am ersten Tag der Reise über Lebensumstände und Bedürfnisse muslimischer Menschen in New York. Das Arab American Family Support Center bietet zahlreiche Leistungen an, die sowohl den Bedürfnissen der neuen als auch der schon länger in den USA lebenden Migranten gerecht werden. Das breite Angebot fokussiert vor allem auf soziale Dienstleistungen, etwa im Gesundheitsbereich, umfasst aber auch Sprachkurse oder Nachhilfeprogramme für Jugendliche. Dabei arbeitet die Organisation mit einem community-basierten Ansatz, der sowohl auf Bewältigung alltäglicher Hürden als auch auf das Ziel der langfristigen Integration abstellt. Zentrales Hindernis dabei, so Alhusseini, sei neben Sprachproblemen vor allem der Rassismus, der im Kontext des amerikanischen Wahlkampfs stärker zu spüren sei als nach dem 11. September 2001.

Der Besuch beim Center for the Integration and Advancement of New Americans verdeutlichte ähnliche Tendenzen. Die Gründerin der Organisation, Emira Habiby Brown, zeigte auf, dass es sich bei den Muslimen in den USA, im Unterschied zu anderen Einwanderungsgruppen, um eine sehr heterogene und in weiten Teilen noch immer marginalisierte Gruppe handelt, für die verhältnismäßig wenig Angebote existieren. Auch ihr Fokus liegt dabei auf Sozialberatung und der Stärkung des Gruppengefühls, aber auch der Förderung des Dialogs zwischen den verschiedenen Communities.

Muzzaffar Chishti, der Direktor des an der NYU angesiedelten Büros des Migration Policy Institutes, erläuterte den politischen Kontext der muslimischen Einwanderung in die USA. Das größte Problem sei, laut Chisthi, die illegale Einwanderung, die zu direkter Benachteiligung und Marginalisierung führe, welche durch Mängel und Fehlsteuerungen im Bildungssystem noch verstärkt würden. Zur Lösung der damit verbundenen Probleme diene vor allem die schnelle Arbeitsmarktintegration bei gleichzeitiger Schließung der Sozialsysteme, aber auch ein unbürokratischer Weg zur Erlangung der amerikanischen Staatsbürgerschaft. Der Schlüssel für erfolgreiche Integration sei neben Bildung und Arbeitsplatz die Anerkennung der kulturellen Vielfalt als Stärke.

Der zweite Tag war geprägt von Besuchen bei weiteren erfolgreichen Integrationsinitiativen. Um den wachsenden Anfeindungen und dem staatlichen Druck gerecht zu werden, gründete Mohammad Razvi nach dem 11. September die Council of Peoples Organization. Schwerpunkte der Aufbauzeit waren, analog zu den zuvor besuchten Projekten, die Bereitstellung von Sozialdienstleitungen, die seitdem mehr als 25.000 Muslime in Anspruch genommen haben. Heute misst Razvi vor allem dem Community-Building und der Förderung und Stärkung von Führungspersönlichkeiten eine herausragende Rolle bei. Bob Kaplan vom Jewish Community Relations Council unterstützte diese These und erläuterte die gemeinsam mit weiteren Communities initiierten Leadership-Programme, die neben Persönlichkeitsausbildung auch zur erfolgreichen Leitung von Non-Profit-Organisationen befähigen sollen. Insgesamt, so Razvi und Kaplan, sei vor allem die Zusammenarbeit mit politischen Entscheidungsträgern und der Abbau von Ängsten gegenüber staatlichen Institutionen, wie der Polizei oder dem FBI, maßgeblich. Hierzu hat Razvi ein sehr erfolgreiches Programm entwickelt, das insbesondere Jugendlichen einen niedrigschwelligen Zugang zu und Kontakt mit Vertretern der Sicherheitsbehörden ermöglicht. Nicht nur die Community müsse verstehen wie das System funktioniere, auch umgekehrt müssten die Offiziellen die kulturellen Spezifika der einzelnen Communities verstehen.

Die Non-Profit-Organisation Turning Point konzentriert sich auf häusliche Gewalt. Robia Niaz, Gründerin von Turning Point, erläuterte das Angebot, das von Beratungstätigkeiten und Unterstützung bis hin zur Gewährung von Schutz und Obdach in besonders schweren Fällen reicht. Die Zielgruppe erreicht die Organisation dabei vor allem durch engagierte Imame, die die Frauen weitervermitteln, aber auch über direkte Arbeit in den Communities. Daneben betreibt auch Turning Point ein eigenes Programm zur Nachwuchsförderung, welches den Teilnehmern eine Plattform für die Entwicklung eigener Initiativen und Projekte bietet.

Der Schwerpunkt des dritten Tages lag auf Seiten der Förderer. In einem Gespräch mit Edna Iriarte, Projektmanagerin bei der New York Foundation, gewann das Projektteam wichtige Einblicke in Förderkriterien und –strategien einer auf community-organizing spezialisierten Stiftung. Konkret fördert die New York Foundation Ideen, die direkt aus der Community entstehen und nicht der Bereitstellung von Sozialleistungen dienen, sondern auf größeren sozialen Wandel abzielen. Jede geförderte Organisation erhält neben 40.000 US-Dollar jährlich auch den Zugang zu einem leadership-development-training, zu kostenloser Rechtsberatung und Trainings im Fundraising. Für die geförderten Organisationen sei das, wie Iriarte erläuterte, eine wichtige Möglichkeit, um sich zu professionalisieren, ihre Finanzierungsbasis auszuweiten und sich langfristig unabhängiger von der Förderung durch die Stiftung zu machen.

Über ein deutliche größeres Fördervolumen verfügt der New York Community Trust, der jährlich über 40 Millionen US-Dollar Fördergelder aus über 2000 verschiedenen Treuhandvermögen vergibt. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der Förderung von Projektideen aus den muslimischen, arabischen und südasiatischen Bevölkerungsgruppen mit einem Gesamtvolumen von 500.000 US-Dollar. Shawn Morehead und Salem N. Tsegaye erläuterten in diesem Zusammenhang die Relevanz von Trainings, die kleine und wenig professionalisierte Organisationen im Vorfeld der Antragsstellung unterstützen, um die Erfolgschancen zu erhöhen und den Zugang zu Fördermitteln zu vereinfachen. Die Führungspersönlichkeiten aus den Organisationen mit etablierten Akteuren und Institutionen zusammenzubringen sei oftmals der Schlüssel zum Erfolg, so Morehead.

Das abschließende Gespräch mit Christina Chang von der New York Immigration Coalition, einem Dachverband für über 200 in New York migrationspolitisch engagierte Organisationen, verdeutlichte ein weiteres Mal die große Bedeutung von Leadership-Trainings und die Möglichkeiten, die sich für Migrantenorganisationen durch die Vernetzung mit politischen Mandatsträgern und staatlichen Institutionen ergeben. So habe der Dachverband schon einige Gesetzesänderungen bewirkt, etwa die verpflichtende Bereitstellung von Dolmetschern in sechs Sprachen für alle öffentlichen Einrichtungen. Mit Blick auf den Schwerpunkt zahlreicher Non-Profit-Organisationen im Bereich der Bereitstellung sozialer Serviceleistungen erläuterte Chang, dass für diese oftmals leichter Mittel eingeworben werden können. Community-stärkende und persönlichkeitsbildende Programme müssten wiederum oftmals durch die eigentlich für Sozialdienstleitungen bereitgestellten Mittel mitfinanziert werden.

Insgesamt zeigte sich die Bonner Delegation beeindruckt von den integrationspolitischen Strategien der einzelnen Organisationen und dem hohen Professionalisierungsgrad. Die gezielte Identifikation und Förderung von Führungspersönlichkeiten, Leadership-Trainings und der Ausbau der Kommunikation zwischen muslimischer Community und Politik scheinen auch auf den deutschen Kontext übertragbar und als vielversprechender Ansatz für die Weiterentwicklung integrationspolitischer Initiativen hierzulande, der im Laufe der Projektarbeit weiterverfolgt werden wird. Mit Blick auf die Finanzierung integrationspolitisch engagierter Organisationen wurde deutlich, dass die USA über ein deutlich stärker ausgeprägtes Stiftungswesen verfügen, welches einen wesentlichen finanziellen, aber auch ideellen Beitrag zum nachhaltigen Erfolg der Integrationsprojekte leistet. Der Abbau von bürokratischen Hürden sowie Professionalisierung im Bereich der Mittelakquise können sich auch in Deutschland langfristig positiv auf Integration auswirken. Gleichwohl stehen die grundlegenden Unterschiede zwischen dem deutschen und US-amerikanischen System, speziell im Bereich der Sozialpolitik, einer unreflektierten Übertragung der in New York betrachteten Ansätze dauerhaft im Weg. Wechselseitiges Lernen muss daher auch eine Anpassungsleistung an die jeweiligen lokalen Gegebenheiten beinhalten.