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'Bonner Forum' zum Thema „Flüchtlingskrise und Ehrenamt: Chancen und Risiken bürgerschaftlichen Engagements“

Prof. Dr. Volker Kronenberg, Projektleiter und Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der BAPP

Serdar Yüksel, Mitglied des nordrhein-westfälischen Landtages

Lars Werthmann (l.) und Rüdiger Unger (r.), DRK-Landesverband Sachsen

Coletta Manemann, Integrationsbeauftragte der Stadt Bonn

Prof. Dr. Dirk Halm, Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung der Universität Duisburg-Essen

 
Im Rahmen des Forschungsprojekts „Wieviel Islam gehört zu Deutschland? Integrationserfahrungen junger und alter Menschen in einer säkular geprägten Gesellschaft am Beispiel des Ruhrgebiets“ fand am 06. April 2016 das Bonner Forum zum Thema „Flüchtlingskrise und Ehrenamt: Chancen und Risiken bürgerschaftlichen Engagements“ statt. Die hohe Bedeutung des Ehrenamts aufgreifend, diskutierten Vertreter aus Politik, Praxis und Wissenschaft, die positiven und negativen Seiten des freiwilligen Engagements in der Flüchtlingskrise.

Einleitend betonten Karsten Jung, Geschäftsführer der Bonner Akademie und Prof. Dr. Volker Kronenberg, Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats, die Relevanz des Themas für das laufende Forschungsprojekt. Es sei davon auszugehen, dass ein Teil der Flüchtlinge dauerhaft in Deutschland bleibe und Integrationspolitik damit wiederum vor neuen Herausforderungen stehe.

Aus historisch-politischer Perspektive erläuterte Serdar Yüksel, MdL, die Gründe für die Flüchtlingskrise. Fehleinschätzungen und Ignoranz von europäischer und US-amerikanischer Seite hätten zur Instabilität des Nahen Ostens maßgeblich beigetragen, weshalb er mahnte, dass wir unsere Verantwortung für die Fluchtbewegung nicht länger leugnen dürften. Zudem fehle es bisher an nachhaltiger Aufbauarbeit in der Region selbst. Aus diesem Grund gründete Yüksel nach Vorbild eines SOS-Kinderdorfs das Flüchtlingsdorf Ruhrgebiet, das im Nordirak für mehr als 670 Familien eine winterfeste Unterkunft bereitstellt und aus Spenden finanziert wird.

Rüdiger Unger und Lars Werthmann vom DRK-Landesverband Sachsen diskutierten die Rolle der Ehrenamtler in der Flüchtlingshilfe vor Ort. Obwohl hunderte sich freiwillig engagieren wollten, sei die Zusammenarbeit nicht immer leicht gewesen. Konflikte zwischen dem strukturell organisierten DRK und basisdemokratisch eingestellten Helfern hätten zu Beginn zu Diskrepanzen geführt. Zudem habe man nichts über die Helfer gewusst, was sich in der konkreten Betreuung traumatisierter Menschen als problematisch erwies. Die Gefahr, dass etwa „Pegida-Anhänger“, sensationsorientierte Journalisten oder Islamisten Zugang zu den Flüchtlingsunterkünften erhielten, sei zu groß gewesen, weshalb das DRK zunächst vornehmlich Stammpersonal einsetzte. Mittlerweile habe die Organisation gut funktionierende Strukturen zur Qualitätssicherung eingerichtet und die externen Helfer seien, so Unger, für das DRK zu einer unverzichtbaren Hilfe geworden.

Dies verdeutlichte auch Coletta Manemann, Integrationsbeauftragte der Stadt Bonn, wo rund 3.600 Asylbewerber leben. Ohne das Engagement der Freiwilligen sei die Arbeit für die Stabsstelle Integration nicht zu bewältigen. Gleichzeitig zeigte sie sich beeindruckt vom hohen Professionalisierungsgrad der über 80 Gruppen mit denen die Stabsstelle zusammenarbeitet. Jedoch kritisierte sie auch die hohe Erwartungshaltung der Helfenden. Nicht für jeden Freiwilligen gebe es einen Platz, abhängig von den sprachlichen und beruflichen Qualifikationen und der zeitlichen Flexibilität. Zudem fehle es immer noch an ausreichend hauptamtlichen Stellen, denn auch die Ehrenamtler dürften nicht mit Aufgaben überfrachtet werden.

Abschließend beleuchtete Prof. Dr. Dirk Halm vom Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung der Universität Duisburg-Essen, das Potential des freiwilligen Engagements muslimischer Gemeinden für die Flüchtlingshilfe. Chancen lägen hier vor allem in den Sprachkompetenzen und der hohen Kultursensibilität sowie den transnationalen Netzwerken. In diesem Zusammenhang mangele es auch nicht am Engagement der muslimischen Gemeinden, sondern vielmehr an der Qualität der angebotenen Dienstleistungen. Das resultiere auch aus beschränkten finanziellen Mitteln und fehlenden hauptamtlichen Mitarbeitern.

In der Abschlussdiskussion resümierte Prof. Dr. Volker Kronenberg, dass es sich trotz des beeindruckenden schicht- und milieuübergreifenden Engagements nicht um eine „bunte schöne Welt“ handele. Integrationspolitik sei in den vergangenen Dekaden sträflich vernachlässigt worden, weshalb in diesem Bereich noch immer großer Nachholbedarf bestehe. Mittlerweile sei jedoch ein Bewusstseinswandel der Politik festzustellen, der dazu beitrage, dass im Bereich der Integrationspolitik wichtige Fortschritte erzielt werden.