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Auftaktveranstaltung des Forschungsprojekts „Vaterland Europa? – Europäische Identität in der Zeit der Euro-Verschuldungskrise“
 
Am 15. Januar 2014 begrüßte die Bonner Akademie mehr als 70 Besucher zur Diskussionsveranstaltung „Europäische Identität in verschiedenen ,Zeitzonen‘ Europas“. In der Auftaktveranstaltung des von Prof. Dr. Jerzy Maćków, Universität Regensburg, geleiteten Forschungsprojekts „Vaterland Europa? – Europäische Identität in der Zeit der Euro-Verschuldungskrise“ wurde der Frage nachgegangen, wie sich die europäische Identität im Euro-Raum, dem „Neuen Europa“ und den Anrainerstaaten der EU definieren lasse. Zu den unterschiedlichen Ausprägungen der Identifikation mit Europa diskutierten ausgewiesene Experten aus west-, mittel- und osteuropäischen Ländern. Die Diskussion wurde moderiert von Dr. Manfred Sapper, Chefredakteur der Zeitschrift „Osteuropa“.

Bodo Hombach, Präsident der Bonner Akademie
Bodo Hombach: „Wie viel ist uns das größte Friedensprojekt der Geschichte wert?“
 
In einem Einführungsvortrag skizzierte Bodo Hombach, Präsident der Bonner Akademie, die kulturelle Geschichte Europas. Gegenwärtig sende Europa höchst widersprüchliche Signale: Einerseits steige die Unzufriedenheit der Bewohner mit der EU, andererseits demonstrieren zehntausende Menschen für die Annäherung der Ukraine an die Europäische Union. Er stellte die Frage, welche Wertschätzung dem größten Friedensprojekt der Geschichte entgegengebracht werde, und wünschte sich für die Zukunft ein „referendumsfestes Europa“.

Prof. Dr. Jerzy Maćków, Leiter des Forschungsprojekts
Prof. Dr. Jerzy Maćków: „Europa ist kein leichter Fall, Europa ist nicht einheitlich.“
 
Daraufhin stellte Prof. Dr. Jerzy Maćków, Universität Regensburg und Leiter des Forschungsprojekts, die Zielsetzungen des Projekts sowie die internationalen Referentinnen und Referenten vor, welche die Sichtweisen ihrer „Zeitzone“ auf Europa darlegten. Die Untersuchung und Definition Europas sei „kein leichter Fall“, weil die Gemeinschaft nur wenige einheitliche Merkmale biete.





Prof. Dr. Lev Gudkov, Direktor des Meinungsforschungsinstituts „Lewada-Zentrum“

 
Prof. Dr. Lev Gudkov: „Das Wissen über Europa ist minimal.“
 
Prof. Dr. Lev Gudkov, Direktor des wichtigsten russischen Meinungsforschungsinstituts „Lewada-Zentrum“ in Moskau, stellte den russischen Blickwinkel auf das Gemeinschaftsprojekt und den Kontinent vor. Die Einstellung der Russen gegenüber Europa ist äußerst ambivalent, so Prof. Gudkov. Laut einer repräsentativen Umfrage fühlten sich nur 20 Prozent der Russen als Europäer, während 60 Prozent Europa als Gefahr für die nationale Kultur Russlands erachteten. Auch das Wissen über Europa sei äußerst gering. Diese ablehnende Grundeinstellung deutete er als Reaktion auf negative innenpolitische Entwicklungen seit dem Zerfall der Sowjetunion.

Maryna Rakhlei, Journalistin bei n-ost und Mitglied im Netzwerk für Osteuropaberichterstattung
Maryna Rakhlei: „Vaterland Europa, Mutterland Russland!“
 
Belarussische Ansichten zu Europa präsentierte Maryna Rakhlei, Journalistin bei n-ost und Mitglied im Netzwerk für Osteuropaberichterstattung. Die Bevölkerung verbinde mit der EU vor allem die Begriffe Marktwirtschaft, Demokratie, Wohlstand und Menschenrechte. Im Gegensatz zu Russland steige in Belarus die Zahl der Befürworter eines EU-Beitritts. Wegen der regionalen geschichtlichen Entwicklung sähen die Bewohner Europa gewissermaßen als ihr Vaterland und Russland als Mutterland an.

Dr. Volodymyr Kulyk, Nationale Akademie der Wissenschaften der Ukraine
Dr. Volodymyr Kulyk: „Es gibt Hoffnung zur westlichen Integration, aber wir brauchen mehr Zeit.“
 
Über Standpunkte hinsichtlich Europa aus ukrainischer Sicht informierte Dr. Volodymyr Kulyk, Nationale Akademie der Wissenschaften der Ukraine. In seinem Land bestünden gewissermaßen „zwei Europas“: Zum einen das Europa der Regeln und Normen, zum anderen das Europa von Fortschrittsglaube und Vision. Außerdem verwies er auf religiöse Unterschiede zwischen Katholizismus, Protestantismus sowie der Russisch-Orthodoxen Kirche, die in der Vergangenheit kulturelle Differenzen manifestiert hätten. Dr. Kulyk sieht Hoffnung für die ukrainische Hinwendung zur EU, betonte jedoch, dass Integrationsbemühungen viel Zeit in Anspruch nähmen.

Dr. Kazimierz Wóycicki, Dozent an der Universität Warschau, politischer Kommentator und ehemaliger Sprecher der Bürgerkomitees „Solidarność“
Dr. Kazimierz Wóycicki: „Die Westeuropäer sollten lernen, dass Osteuropa nicht nur aus Russland besteht.“
 
Dr. Kazimierz Wóycicki, Dozent an der Universität Warschau, politischer Kommentator und ehemaliger Sprecher der Bürgerkomitees „Solidarność“, bereicherte die Veranstaltung als Vertreter Polens. Weniger als 20 Prozent seien mit der EU-Mitgliedschaft unzufrieden, 35 Prozent sprechen sich laut einer aktuellen Umfrage für eine Vertiefung der europäischen Integration aus. In Polen könnten mittlerweile sogar die ländlichen Regionen ein ökonomisches Wachstum vorweisen, gleichzeitig hätten sich soziale Unterschiede innerhalb der polnischen Gesellschaft verringert. Dr. Wóycicki betonte, Europa dürfe nicht auf die Europäische Union beschränkt werden. Im Gegenzug dürfe die osteuropäische Region nicht nur auf Russland minimiert werden, da die Region eine enorme geschichtliche, politische und kulturelle Vielfalt aufweise.

Dr. Manfred Sapper, Chefredakteur der Zeitschrift „Osteuropa“
Dr. Manfred Sapper: „Auch die westlichen Staaten haben eine fundamentale Osterweiterung des europäischen Denkens durchgemacht.“
 
In der anschließenden Diskussion stellte Dr. Manfred Sapper Nachfragen und fasste die Aussagen der Gesprächsgäste thesenartig zusammen. So habe das „alte Europa“ Nachholbedarf in der Interaktion mit dem Osten des Kontinents, wenngleich auch die westlichen Staaten in den letzten zehn Jahren eine fundamentale Osterweiterung des europäischen Denkens durchgemacht hätten.