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Auftaktveranstaltung des Forschungsprojekts „Globale Krisen - nationale Proteste"
Zum Auftakt des Forschungsprojekts „Globale Krisen - nationale Proteste: Empörungsbewegungen nach dem Zusammenbruch der Finanzmärkte und die Rolle des Internets“ fand am 25. Februar eine Diskussionsrunde statt, in der Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen früheren und aktuellen Protestbewegungen erörtert wurden. Als Diskutanten waren Vertreter verschiedener Bewegungen eingeladen, die aus ihrem jeweiligen Erfahrungsschatz berichteten. Die Veranstaltung begann mit einer Begrüßung durch Bodo Hombach, Präsident der Bonner Akademie. Die beiden Forschungsprojektleiterinnen, Prof. Dr. Marianne Kneuer und Dr. Saskia Richter von der Universität Hildesheim, übernahmen die Einführung in das Forschungsprojekt beziehungsweise die Moderation der Diskussion.

Bodo Hombach, Präsident der Bonner Akademie
Bodo Hombach: „Empörung ist kein Wert an sich. Sie bekommt ihn erst durch ihren Anlass und ihr Ziel.“

In seiner Begrüßungsrede wies Bodo Hombach auf die Aktualität des Themas hin und unterstrich, dass Empörungswellen umfangreicher als die individuelle Ablehnung seien, da sie grundsätzlich „das Bestehende erst einmal zerschlagen“ wollen. Das Gefühl der Empörung sieht er als „starken Affekt“ mit einer gewissen Ambivalenz: Einerseits sei sie „subjektiv, schwer zugänglich und unberechenbar“, andererseits „kann man sie erzeugen, anheizen, zur Weißglut bringen“. Bezüglich der politischen Wirkung von Empörung sieht Hombach eine starke Abhängigkeit von verschiedenen Faktoren, wie beispielsweise der Grad der Offenheit und Transparenz einer Gesellschaft. Abschließend hob er die Rolle der Medien hervor, die „aufklären, aber auch vernebeln, aufregen“ können. Insbesondere das Internet und die Sozialen Medien schaffen zwar eine Plattform für Diskussionen und inhaltlichen Austausch, bringen aber auch durch das anonymisierte Nutzerverhalten eine neue Problemlage mit sich.

Prof. Dr. Marianne Kneuer, Projektleiterin, Universität Hildesheim



Dr. Saskia Richter, Projektleiterin, Universität Hildesheim
Prof. Dr. Marianne Kneuer: „Transnational verbreitet wird die Empörung, weniger aber der Inhalt!“

Prof. Dr. Marianne Kneuer erläuterte die Entwicklung der für das Projekt relevanten Empörungsbewegungen, die im März 2011 in Portugal ihren Anfang nahmen und sich anschließend über Spanien und die USA über fast der gesamten Welt ausbreiteten. Infolge der globalen Finanz- und Schuldenkrise kam es dabei zu starken Protestwellen, die sich vor allem gegen die unmittelbaren Folgen und Auswirkungen der Krise, aber auch gegen eine allgemeine Ausweglosigkeit aus der eigenen Lebenssituation richteten.

Das Forschungsprojekt möchte in diesem Zusammenhang der Frage nachgehen, ob die Empörungsbewegungen aus dem Jahr 2011 ein neues Phänomen darstellen und ob tiefgreifende Unterschiede zu früheren Bewegungen existieren. Außerdem analysiert die Forschungsgruppe die Rolle des Internets und der Sozialen Medien – wie zum Beispiel Facebook, Twitter, Flickr und YouTube – während der Protestbewegungen und versucht den Einfluss und die Auswirkungen des Einsatzes dieses Mediums zu messen. Dabei ist „schnell der Eindruck entstanden, hierbei handelt es sich um eine globale Bewegung“, so die Leiterin des Forschungsprojekts. Allerdings gehe die Hauptthese in eine andere Richtung: Zwar förderten Soziale Medien die transnationale Verbreitung und Vernetzung dieser Bewegungen, die Kritik und die Forderungen der Demonstranten bewegten sich hingegen im nationalen Bereich.

Jens Ballerstädt, Politischer Geschäftsführer im Landesvorstand NRW der „Piratenpartei Deutschland“
Jens Ballerstädt: „Politik ist in der Vergangenheit eine Art hermetische Wissenschaft geworden.“

Jens Ballerstädt, Politischer Geschäftsführer im Landesvorstand NRW der „Piratenpartei Deutschland“, sieht den Grund für die Empörungsbewegungen der letzten Jahre hauptsächlich in der stetig gewachsenen Kluft zwischen dem Bürger und der Politik, da letztere lediglich von einem kleinen geschlossenen Kreis der Eliten gestaltet werde. Die Piratenpartei wolle hieran anknüpfen und die Politik gegenüber dem Bürger wieder stärker öffnen. Ballerstädt sieht in der Bevölkerung ein fortdauerndes Empörungspotential, da das grundsätzliche Gefühl der Empörung bleibe, auch wenn einzelne Bewegungen quantitativ wieder abnehmen.

Veronika Czech, Aktivistin bei Occupy
Veronika Czech: „Wir wollten mit unseren Zelten die Kontrolle zurückerobern – über die Demokratie und über unser eigenes Leben!“

Für Veronika Czech, Aktivistin bei Occupy, liegt der Ursprung der Occupy-Bewegung in der Kritik am globalen Finanz- und Bankenwesen, der zunehmenden Divergenz zwischen wirtschaftlichem Interesse und den Lebensbedürfnissen der Menschen sowie der Entfremdung von Politik und Bevölkerung: „Die Bürgerinnen und Bürger fühlten und fühlen sich entmündigt. Sie empfinden die Demokratie nicht mehr als Herrschaft der Bevölkerung, sondern als Herrschaft über die Bevölkerung.“ Als Hauptadressaten der Forderungen nannte Czech nicht nur die Politik, sondern auch Unternehmen, Verbände usw.

Kenzo Römer, Aktivist bei Occupy
Kenzo Römer: „Es war keine Bewegung von politischen Profis, sondern vom Ottonormalbürger!“

Kenzo Römer, Aktivist bei Occupy, konstatierte, dass es im Jahr 2011 eine massive Empörung aus der bürgerlichen Mitte gegeben habe und dass die Zusammensetzung der Aktivisten sehr heterogen war, was er als ein neues Phänomen betrachtet. Gerade der Slogan von Occupy „We are the 99%“ habe gezeigt, dass die Bewegung breite Teile der Bevölkerung erfasste. Die Organisation des Protests fand primär auf nationaler Ebene statt, allerdings herrschte ein regelmäßiger Austausch mit Occupy-Gruppen in anderen Ländern, wobei die Möglichkeiten des Web 2.0 intensiv genutzte wurde.

Wilhelm Knabe, Mitbegründer der Partei „Die Grünen“
Wilhelm Knabe: „Die Umweltbewegung knüpfte früher vielmehr an unmittelbare Probleme an.“

Wilhelm Knabe, Mitbegründer der Partei „Die Grünen“, hält den Zusammenhalt innerhalb einer Protestbewegung für entscheidend. Insbesondere bei Randbewegungen sei dieser wichtig für die öffentliche Kommunikation und die Durchsetzungsfähigkeit von Forderungen. Die Grünen knüpften damals an den Zeitgeist der 1980er Jahre an und boten ein Ventil für die Empörung gegen Aufrüstung, Naturzerstörung und soziale Ungleichheit, so Knabe. Eine internationale Zusammenarbeit oder ein länderübergreifender systematischer Austausch habe – außer beim Thema „Anti-Atomkraft“ – kaum stattgefunden.

Stephan Lindner, ehemaliges Mitglied im Koordinierungskreis von Attac sowie Praxisexperte des Forschungsprojekts
Stephan Lindner: „Soziale Bewegungen sind nicht dafür da, alle Probleme dieser Welt auf einmal zu lösen.“

Stephan Lindner, ehemaliges Mitglied im Koordinierungskreis von Attac sowie Praxisexperte des Forschungsprojekts, stellte den Neoliberalismus und die Globalisierung ins Zentrum der Kritik von Attac. Hier gäbe es eine relativ stark ausgeprägte Vernetzung mit gleichgesinnten Gruppierungen und Bewegungen, wie zum Beispiel beim World Social Forum. Trotz der technischen Kommunikationsmöglichkeiten der heutigen Zeit hält Lindner die physische Präsenz in Form von Treffen oder Diskussionsrunden für nicht ersetzbar. Außerdem fänden über die Kanäle der Sozialen Medien keine programmatischen Debatten statt. Der inhaltliche Austausch geschehe vielmehr über Mailinglisten und sogenannte „Pads“.